Der Tag an dem die Grippe verschwand
Wieso hat das LNS im Lockdown bei der Sentinel-Überwachung die Sequenzierung der zirkulierenden Viren ausgesetzt?
In Deutschland ziehen die “RKI-Files” politisch immer weitere Kreise. Neben einer ersten Rücktrittsforderung an Gesundheitsminister Lauterbach, stellen die Dokumente mittlerweile auch die Legitimität der in der Corona-Zeit gesprochenen Gerichtsurteile in Frage, die sich auf die Aussagen des RKI in dessen Funktion als offizielle Behörde bezogen haben.
Da keiner der RKI-Mitarbeiter davon ausging, dass die Sitzungsprotokolle jemals das Licht der Öffentlichkeit erblicken würden, erlauben sie uns einen unverfälschten Einblick in das was hinter den Kulissen ablief. Hier fand zumindest anfangs echte Wissenschaft statt: man analysierte Daten, stellte Hypothesen auf, verwarf diese wieder und diskutierte über ungeklärte Fragen. Bedauerlicherweise durfte auf politischen Druck nur das nach außen hin kommuniziert werden, was mit dem Narrativ der deutschen Regierung kompatibel war: die Entscheidungen beim Management der Covid19-Krise waren damit größtenteils politischer Natur und die Aufgabe des Instituts bestand lediglich darin, diese wissenschaftlich zu legitimieren.
Diese Situation ist selbstverständlich nicht eins zu eins auf Luxemburg übertragbar. Deutschland ist bekanntlich einer der größten Sponsoren der WHO, die ihrerseits einen überwältigenden Einfluss auf die weltweite Covid-Politik hatte. Der Virologe Christian Drosten, Erfinder des alles entscheidenden PCR-Tests, war zudem zusammen mit dem Präsidenten des RKI, Lothar Wieler, Mitglied im wohl einflussreichsten Gremium der EU, dem European Commission’s advisory panel on COVID-19. Alles Indizien, dass Deutschland die Covid-19-Politik der EU zweifelsfrei massgeblich mit gestaltet hat. Ebenso wurde die deutsche Politik durch die Minister Spahn, Braun und später Lauterbach dominiert, welche alle nachweislich Verbindungen zur Pharmaindustrie unterhielten.
Da sich das Pandemie-Management in allen westlichen Ländern jedoch zumindest in den großen Linien kaum unterschied, bleibt die Gemeinsamkeit, dass die Massnahmen offenbar nicht durch epidemiologische Realitäten bestimmt waren. Die berechtigte Frage für Luxemburg lautet somit: wer steuerte wann und wie die hiesige Corona-Politik?
Wir werden in einer Serie von Beiträgen versuchen uns einer Antwort anzunähern, dadurch dass wir verschiedene Zeitstränge parallel betrachten und die politischen Entscheidungen im Rahmen der Corona-Krise in einen Kontext setzen. Die RKI-Files dienen dabei als eine Art Realitätscheck, welche, wenn sinnvoll, zur Bewertung der wissenschaftlichen Sinnhaftigkeit hinzugezogen werden können.
Einen Anfang, sozusagen als Einführung, macht eine Beobachtung welche nicht neu ist, die sich allerdings durch den Leak der RKI-Sitzungsprotokolle in einem neuen Licht zeigt.
Die Sentinel-Überwachung des RKI
Möchte man sich einen Überblick verschaffen, welche Erkältungsviren aktuell zirkulieren, so ist ein Netzwerk aus Allgemeinmedizinern und Kinderärzten sinnvoll, um in regelmäßigen Abständen die entsprechenden Informationen zur Verfügung stellen. Sie übermitteln in der Regel für einen festgelegten Zeitraum:
die Anzahl der festgestellten Influenza-artigen Krankheitsfälle mit grippe-typischen Symptomen inklusive Fieber (engl.: Influenza like illness, ILI). Hier wird zusätzlich ein Abstrich gemacht und an die entsprechende Behörde zwecks Sequenzierung gesendet.
die Anzahl von akuten respiratorischen Erkrankungen (ARE), auf englisch: acute respiratory illness (ARI)
die Gesamtzahl der Konsultationen in diesem Zeitintervall
Das RKI betreibt seit Jahrzehnten eine solche Sentinel-Überwachung. Hier wird auf eine Vielzahl von Viren getestet: neben Influenza A und B beispielsweise auch auf Rhinoviren. Neben einem Netzwerk von Medizinern, unterhält das Institut zusätzlich das sogenannte “Grippeweb”, wo Privatpersonen die Behörde im Krankheitsfall benachrichtigen und dann Selbsttest durchführen.1
Vorausblickend entschied man sich schon früh, den Erreger-Nachweis um das SARS-CoV-2-Virus zu erweitern, Ende Februar war die nötige Anpassung bereits gemacht: rückwirkend ab der 8. Kalenderwoche (KW) wurden nun alle eingesandten Proben zusätzlich auf das neue Virus untersucht. Das Bild zeigt die Tabelle der nachgewiesenen Viren im Influenza-Wochenbericht der 13. KW 2020 (Hervorhebung der beiden letzten Reihen durch den Autor).2
Zur Erinnerung: der Lockdown startete in Deutschland erst in der 13. KW, bis dahin war der Anteil von SARS-CoV-2 bei den in den Arztpraxen festgestellten Atemwegserkrankungen also verschwindend gering.
Offensichtlich hatte man sich beim RKI ein doch anderes Ergebnis erwartet, wie das Ergebnisprotokoll vom 2. März 2020 zeigt:
Als die SARS-CoV-2-Nachweise in der Sentinel-Überwachung weiterhin ausblieben, wusste man am 24. März nicht mehr so recht wie man dies nach aussen hin kommunizieren sollte:
Man stellte sogar bereits die Maßnahmen in Frage: im Ergebnisprotokoll vom 1. April 2020 lesen wir:
Eine Woche später am 8. April war die Lage immer noch gleich: man konnte mit dieser Methode eine Ausbreitung des Virus nicht nachweisen.
An diesem Tatbestand änderte sich auch später nichts wesentliches. In einem Artikel des RKI in dem die beschriebene Erweiterung der Sentinel-Überwachung detailliert beschrieben wird, finden wir die folgende Grafik.3
Die einzelnen rote Punkte stehen für Nachweise von SARS-CoV-2. Insgesamt stellt sich damit die Frage, wie die Resultate des Sentinel-Systems mit der hohen Anzahl der PCR-positiv Getesteten in Einklang zu bringen sind.
Die Influenza-Überwachung des Laboratoire National de Santé (LNS)
Luxemburg verfügt auch über ein Sentinel-System: die Auswahl der Viren auf die getestet wird unterscheidet sich jedoch vom RKI. Man hätte sich jetzt erwartet, dass hier der gleiche Weg wie der des RKI eingeschlagen und der Erregernachweis entsprechend erweitert wird. Immerhin wusste man sehr wenig über das neue Virus, jede zusätzliche Information wäre also wertvoll gewesen.
Daher war es mehr als überraschend, dass man im Bericht der 12. KW (16. - 22. März) 2020 unter der Überschrift “Résultats virologiques”, anstelle der Tabelle mit den Sequenzierungsdaten, den Hinweis las:4
Les prélèvements d’écouvillons par le réseau de la sentinelle est suspendu en raison de l’épidémie de Covid-19
Einige Proben scheinen doch noch sequenziert worden zu sein, da die Werte im entsprechenden Diagramm nicht exakt Null sind.
Auf jeden Fall war somit eine Zuordnung Symptomatik - positiver Test nicht mehr möglich und man war auf die nackten Zahlen der PCR-Tests angewiesen.
Ende Mai veröffentlichte das LNS den Abschlussbericht der Grippesaison 2019-2020.5 In dem oberen Diagramm wird der Anteil der positiven Tests ab der 13. KW auf Null gesetzt, was insofern nicht richtig ist, da hier ja keine Werte mehr gemessen wurden. Eine Übereinstimmung mit den Daten der European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) scheint insgesamt von Bedeutung gewesen zu sein.
Eine weitere Grafik in dem Bericht suggeriert, dass die Übersterblichkeit in Europa ab der 11. KW vollständig zu Lasten von COVID-19 geht, während bis zu diesem Zeitpunkt die Grippe einen nur moderaten Einfluss hatte.
Dabei wird unterschlagen, dass es nur in einer Handvoll Ländern eine Übersterblichkeit gab (und dass dies dann andere Gründe hatte). Auf jeden Fall sollte hier offensichtlich eine klare zeitliche Zäsur kommuniziert werden.
In der Grippesaison 2020/2021 wurde im November die Sequenzierung mit einem erweiterten Spektrum an Viren wieder aufgenommen: so testete man beispielsweise jetzt ebenfalls auf Rhinoviren, bei welchen zeitweise eine vergleichbare Verbreitung wie SARS-CoV-2 festgestellt wurde ohne dabei in irgendeiner Weise mit den Daten des RKI überein zu stimmen. Diese Aktion flog jedoch ohnehin unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung, da das Narrativ eines alles dominierenden Erregers längst etabliert war.
Schlussfolgerung
Der immer wieder vorgebrachte Einwand “Wir mussten Entscheidungen treffen mit den uns zu dem Zeitpunkt verfügbaren Daten” wirkt in diesem Zusammenhang doch wenig überzeugend. Wieso wurde auf Informationen verzichtet die doch verhältnismäßig leicht hätten gewonnen werden können? Wer traf hier die Entscheidung und wieso?
Bestand die Angst die gleiche Erfahrungen zu machen wie das RKI und dann in Erklärungsnot zu kommen?
Oder sollte einfach das Narrativ etabliert werden, dass ab einem gewissen Zeitpunkt jede Erkältungskrankheit mit gegebenenfalls letalem Ausgang immer “Corona” war, wie es der Abschlussbericht nahelegt? Welche Rolle spielten dabei etwaige Vorgaben des ECDC?
Um Wissenschaftlichkeit ging es jedenfalls offensichtlich nicht.
RKI, Sentinel-Surveillance
https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Sentinel/sentinel_node.html
RKI, Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI): Influenza-Wochenbericht / Kalenderwoche 13/2020 (21.3. bis 27.3.2020) https://influenza.rki.de/Wochenberichte/2019_2020/2020-13.pdf
Goerlitz, L., Tolksdorf, K., Buchholz, U. et al. Überwachung von COVID-19 durch Erweiterung der etablierten Surveillance für Atemwegsinfektionen. Bundesgesundheitsbl 64, 395–402 (2021). https://doi.org/10.1007/s00103-021-03303-2
LNS: Département für Mikrobiologie - Influenza-Überwachung
Archivierte Version vom 3. April 2020
https://web.archive.org/web/20200403025736/https://lns.lu/de/departement/departement-fuer-mikrobiologie/influenza-ueberwachung/
LNS: Retour sur la saison Influenza 2019-2020
https://lns.lu/wp-content/uploads/2020/10/bilan-saison-2019-2020.pdf










